Donnerstag, 30. April 2015

Das gefährliche Dasein zugezogener Landeier {*Rost-Parade*}

Ich bin mit Herz und Seele Landei. Meistens. Wenn die vielen anderen Eier nicht wären. Aber wenn man aus der Anonymität des Stadtlebens plötzlich inmitten all der anderen Eier hockt, kann einen eine Analyse dieser und derer Gewohnheiten schon ein wenig ins Grübeln bringen.
Angefangen beim Familienstammbaum. Der besser nicht hinterfragt werden sollte. Schier unglaublich, wer auf dem Dorf alles miteinander verwandt ist. Manchmal frage ich mich, ob eheliche Verbindungen vielleicht schon bei der Geburt geklärt werden. Bei der Zeugung? Wie kommt es, dass sich alle paar Generationen über Eck verliebt wird? Ich weiß das nicht. Bin ja nur zugezogen.

Lebt man erst mal auf dem Dorf, bekommt man auch recht flott die ziemlich eigendynamische Transparenz zu spüren, die in jeder kleinen Gemeinde der Norm zu entsprechen hat. Gibt es Fragen, kontaktiert man am besten umgehend die Nachbarn. Zu 99,9% wissen diese schon Bescheid und haben im Rathaus bereits passende Lösungsvorschläge ausdiskutiert. Und wahrscheinlich klingt das nur für Zugezogene suspekt.

Eines der vielen Highlights „unseres“ Dorfes ist übrigens der Supermarkt. Also nicht so ein kleiner nostalgischer Tante-Emma-Laden, nein, ein richtiger 08/15-Discounter mit allem, was der hungrige Magen begehrt. Eigentlich untypisch für ein Dorf. Da schweift fast schon ein Hauch von Kleinstadt mit. Aber nur fast, denn Ampeln und Zebrastreifen fehlen hier gänzlich. Obwohl so einige Straßensituationen es durchaus rechtfertigen würden.
Von uns aus zum Discounter geht es übrigens die Straße entlang, dann rechts ab, Berg rauf, zwischendrin die Atemübungen nicht vergessen und am Ende des Berges wieder rechts – tadaaa.
Die anfängliche Freude über eine eventuelle Zeitersparnis beim Wocheneinkauf kann man allerdings getrost knicken. Wofür man vor einem Jahr mit Anfahrt/Einkauf/Rückfahrt noch ein Maximum von einer Stunde einplanen musste, gelingt im Dorfsupermarkt nicht unter zwei Stunden. Minimum. Klar, treffen sich ja alle beim Einkaufen. Ist wie Kirmes. Nur ganzjährig. Dann fluppt es doch gleich viel besser mit den dörflichen Neuigkeiten. Schließlich will auch Eigendynamik mit Leckerlis gefüttert werden. Und überhaupt - wo lässt es sich schon passender tratschen als zwischen Rohrreiniger und Toilettenpapier ...

Aber ich schweife ab, denn eigentlich wollte ich für Frau Tonaris Rost-Parade ein typisches Must-have anschneiden, welches für jedes noch so winzige Nest einfach unabdingbar ist. Der Schützenverein. Dreiviertel der Dörfler sind schießwütiges Mitglied in einem solchen.



Das wirft natürlich schon wieder neue Fragen auf. Was, wenn die Nachbarn Dinge über uns wissen, die wir selber noch nicht wissen. Die es aber laut den Dörflern, die sich im Discounter bereits über etwaige Begebenheiten beraten haben, zu klären gilt. Ich hege den düsteren Verdacht, dass eingeborene Eier da bedeutend besser bei wegkommen als zugezogene.

Heute ist Hexennacht. Mir fällt zwar nichts ein, was wir verbockt haben könnten, allerdings bin ich auch nicht über den Wissensstand der nachbarschaftlichen Eingeborenen informiert. Und unterm Strich bleiben wir nun mal eines: Eindringlinge Zugezogene.

Ich lass mich überraschen ... 

Kommentare:

  1. Der Text ist wunderbar. Ich musste so schmunzeln. Als Großstadtmensch kann ich mir so gar nicht vorstellen, wie es auf einem Dorf mit all dem Tratsch so ist. Mir reichst schon der Balkonrentner unten links ;-) Der weiß alles genau, hat alles beobachtet und scheint zudem auf einem Kasernenhof sozialisiert :lol:
    Dein rostiges Schießstandschild gefällt mir gut. Und mich freut, dass es keine Einschusslöcher aufweist. Das ist ja auch schon mal was.

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  2. wow, gut dass ich in einer Grossstadt wohne. Allerdings ist es in Straubing auch nciht viel anderes. Da kennt auch fast jeder jeden, viele sind miteinander verwandt und wir sind dort sowieso immer nur Besucher.
    diesen Schiesstand den werde ich ganz sicher nciht betreten, So rostig wie der ist ....

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  3. Liebe Sonja,
    das hast du wunderbar beschrieben. Ja genau so ist, wenn man ein "Landei" wird.
    Ich konnte beim Lesen immer nur bejahend nicken. Wir haben noch eine Metzgerei und eine Bäckerei.
    Das sind die beiden Orte, wo wirklich ewig lange diskutiert werden muss. Ist doch klar - die Neuigkeiten müssen doch in Umlauf kommen.
    Einen schönen !.Mai wünscht dir
    Irmi

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  4. Also ich denke bei Landleben ja immer nur an alte Bäume und Brunnen, Felder, entzückende Gärten, pittoreske Häuslein und jede Menge ganz süßer Tierchen - Nachbarn kommen dabei irgendwie nicht vor.
    Aber unser Mietshaus ist ja auch so was wie ein Mikrodorf. Ist nur keiner miteinander verwandt - soweit ich weiß. Morgen ziehen neue Nachbarn bei uns ein und mir grauselts schon sehr. Bin doch so 'ne wortkarge kauzige Alte :-)
    Liebe Grüße und mögen die Hexen gute Laune haben

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  5. Ach ja - wegen des Schildes - das wäre genau richtig an meiner Wohnungstür und auch unbedingt in diesem leicht rostigen Zustand.

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  6. Also jetzt weiß ich mit Sicherheit, das unser Dorf eigentlich gar kein Dorf mehr ist, schon eher ein Großdorf würde ich es mal nennen. Kleinstadt ist dann doch übertrieben, obwohl es doch schon ein bisschen städtischen Charakter hat. Es ist einfach so ein Mischding und ich glaube, es ist perfekt für mich, wenn ich das so bei Dir lese. Das wäre mir dann doch zu dörfliches Geklüngel, obwohl es das hier auch gibt, nur irgendwie geht es an uns vorbei und wir werden nicht behelligt.

    Liebe Grüße
    Sonja

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  7. Wir sind auch Zugezogene.
    Das merken wir auch ab und an, lach.
    Wenn wir sagen, wir wohnen seit September 2013 hier, dann heißt es, ihr seid noch keine Einwohner.
    Aber dein Rost-Schild ist genial.
    Wie heißt es so nett? Freunde treffen - Schießen lernen.
    Viele Grüße Bärbel

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  8. Toll geschrieben - wir wohnen hier als "Zuagraoßte" (Zugezogene) nun schon im 41. Jahr. Teilweise steht nun die nächste Generation von Ratschtanten im Supermarkt, aber das ist schon die einzige Änderung. 😀

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  9. Ich war 10 Jahre in Oberschwaben eine "Neigeschmeckte" und das hätte sich auch wohl die kommenden 10 Jahre nicht geändert. Vielleicht der Nachwuchs vom Nachwuchs wäre dann ein Einheimischer geworden... Jetzt bin ich wieder eine Zugezogene, allerdings im Norden. Und in einer Kleinstadt. Aber ich habe auch hier gemerkt, dass hier jeder jeden kennt. Mikrokosmos Nachbarschaft! Man gewöhnt sich daran;-) Der Schützenverein kann auch wahlweise durch die örtliche Feuerwehr ersetzt werden... Oder eine Narrenzunft;-)
    VG Charlie

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  10. SONJA!!!!!
    mal wieder einsame Spitze, ich bin auch Tochter von Zugezogenen... erst Kleinstadt (war schlimmer) und dann Urlauberdorf... so herrlich, wie du schreibst. einfach irre. so passend...
    Ich wünsche euch für die heutige Nacht.... viel Glück... *g*
    Ganz herzliche haltedurchgrüße
    Ines

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  11. lass uns mal zusammen ein buch schreiben! wird ein bestseller!
    herzlich pippa

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  12. Ja, ja, ja...so schön ist das auf dem Land. Bin ja auch so ein zugezogenes Ei aus dem Nachbardorf!
    Wir müssen uns unbedingt mal beim Discounter-Bäcker auf einen Kaffee treffen !
    Deine Elli

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  13. Wie bekannt es mir doch vorkommt, wobei mehr noch aus Deutschland. Von Köln in den Norden auf ein Dorf (nähe Bremen), danach noch ganz aufs Land...bis ich hier gelandet bin. Ich würde es als Dorf bezeichnen, allerdings schon mit Stadt-Charakter, denn hier sieht es mit der Versorung noch supergut aus. Ist aber auf fast allen Dörfern so, wobei ich denke das es auch mit der Lage auf den "Bergen" zu tun hat. Wobei es hier dann auch noch die fahrenden "Händler" gibt, von Fisch über Brot, Gemüse bis hin zu Klamotten *lacht*. Allerdings muss ich zugeben dass das Landleben hier so ganz anders ist, in meinen Augen viel angenehmer und nicht nervig. Da mischt man sich gerne mal unters "Volk" und geht anschliessend auch wieder seinen Weg.

    Danke dir für den klasse Post und auch für die klassen Kommentare bei mir. Habe heute auch gleich dort wieder herzhaft gelacht.

    Wünsche dir und deinen Lieben einen superschönen 01.Mai und sende herzliche Grüsse

    N☼va

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  14. Hihihi...
    einen Schützenverein haben wir auch! Und mit den Verwandtschaftsverhältnissen kannte sich mein Opa bestens aus. Mich hat das nie so interessiert... aber ich merk es immer noch. War ich doch vor 2 Wochen auf einem Flohmarkt Sachen verkaufen und ein älteres Ehepaar stand neben mir. Wir kamen ins Gespräch und ich erfuhr wie sie heißen und das sie 3 Orte weiter wohnen. Als ich dann meinen Namen und Wohnort verraten wollte, hieß es nur: Ja, de Traudel ihr Dochder, aus O. des wäs ich doch un des sieht mer ach. Was soll ich da noch sagen?! Die Leute kennen mich bevor ich noch irgendwas weis, seufz... Und selbst wenn man 20 Jahre hier im Ort wohnt, wird man immer zugezogen bleiben, grins. Ich hab allerdings für Frischblut gesorgt, mein Mann stammt aus Essen und seine Familie hat es ins schöne G. auf den Campingplatz verschlagen. Dort gefiel es ihnen so gut das sie im Ort gebaut haben. Also, für unser kleines Dörfchen sind neue Gene erst mal garantiert, kicher.
    Liebe Grüße!!
    Dani

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  15. Bei uns ist der Treffpunkt und Tratschplatz der örtliche Lotto-Toto-AllesKrimskams-Laden. Und ja... hier teilen sich ein paar Familien die Stadt unter sich auf. Bis auf die Zugezogenen natürlich.

    LG

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  16. Wenn ich das so lese, fühle ich mich mit dem eigenen Kram konfrontiert. Die ganzen Clans und dergleichen, die, wie du schreibst,mehr von dir wissen als du selbst. Und wo einer mit dem anderen Verwand ist. So eine Art Inzucht scheint da aufzukommen.

    Hüstel

    Swan ♥

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  17. So geht es uns zugezogenen ( Land ) Stadteiern , aber lassen wir die Leute reden und wir denken uns unser Teil , Augenzwinkern . Einen schönen Post hast du verfasst und das rostige Schild ist der Hammer . :)
    Liebe Grüsse Omama

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  18. Sonja, wieder ein toller Post. Ich lese deinen Blog sehr gerne, du schreibst immer mit so viel Witz, einfach toll!!

    Wünsche dir einen schönen Tag und liebe Grüße Andy

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    1. Mensch, Andy, ich werd ja ganz rot ...
      Danke! ♥

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  19. Oh ja, genauso isses! Ich bin zwar vom Dorf, aber in ein fremdes Dorf zugezogen und kann das nur bestätigen. Das Rostschild gefällt mir sehr gut!

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  20. Hallo Schwesterherz ♥

    Ja, das Leben als Landei kann aber tücken haben. Einerseits freuen die anderen Eier sich dich zu sehen, schlawenzeln um dich herum mit allem tromborium, heititei und tamtam. Aber sobald du den fauligen Eiern den Rücken zukehrst ziehen sie über dich her, setzen die wildesten Gerüchte in die Welt, demolieren deinen Ruf (wenn man überhaupt einen hatte). Seit ein paar Jahren bin ich nun auch eine Kleinstadt-Schwalbe. Das einzige was mich stört ist die Anonymität. Hier fühl ich mich wie eine Dauerfremde. Mit den einzigen mit denen man maaaaal i s Gespräch kommt, sind die Nachbarn hier im Haus. Uuuiiiihhhh.......

    Ein schönes Mai-Wochenende wünscht dir deine Schwester Bina ♥♡♥


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  21. Huhu du Liebe,
    in der Vorstadt ist es auch nicht besser. Ich halte mich aus dem Geklüngel raus. Hast du herrlich beschrieben ♥ Dein Foto passt natürlich wie Pott auf Deckel :-)

    LG Sabine

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  22. *ganzlautlachkopfnickenundbauchfesthalt* Willkommen im Club!!
    Wir sind auch zugezogene Dörfler (360 Einwohner) und ich kann nur zu Deinem wunderbaren Post sagen "JA... genau so isses" Du hast übrigens die Freiwillige Feuerwehr vergessen, die restlichen 1/4 sind bei der Feuerwehr.
    Kennst Du den Song von den Ärzten "Lass die Leute reden..."
    Ich bin letztes Jahr mit meinen Enkelkindern zum Laternenfest gegangen, die Dörfler haben uns angeschaut als seien wir vom anderen Stern. Wir wohnen nun schon seit über 3 Jahren hier, man grüßt sich und auch wenn wir mit Frau Sandy gassi gehen spricht man mit einander. Aber auf dem Fest haben sie uns nur von der Seite angeschaut und ich habe gespührt wie sie hinter unserem Rücken über uns getuschelt haben.
    Tja, mein Mann ist weder im Schützenverein noch bei der Feuerwehr und deshalb sind und bleiben halt Zugezogene.

    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende ...
    Liebe Grüße
    Biggi

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  23. Schön hast das das idyllische Landleben beschrieben...;-))). Ich lebe ja in einer Kleinstadt...so waaaahnsinnig viel anders ist das dort auch nicht...zumindest nicht im Supermarkt...;-). Dir einen schönen Sonntag! LG Lotta.

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  24. also ich habe inzwischen auf dem Land schon einige Supermärkte kennentlernt, die waren größer und moderner als die bei mir in der Stadt. Naja und beim Schützenverein kann ich hier in der Stadt schon gleich gar nicht mithalten.
    Ja - Landleben hat schon auch was ;-)

    Herzliche Grüße von Heidi-Trollspecht

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